Buchprojekt:      Über die Grenzen träumen


Ein politisches Buch und der Kunst

Es erzählt von gelungenen Alternativen und zeigt Bilder vom Werden und Vergehen und neuem Werden, dem Kreislauf des Lebendigen.



lesen Sie auf dieser Seite das Vorwort.....


In meinem Buch (März 2027) spreche ich auch mit Menschen, die anders Leben. So war ich bei Marc Freukes, dem ehemaligen Golflehrer, der jetzt im Wald lebt. Er hat unser Interview aufgenommen.

Sie können es hier sehen




Lebensgeschichten - von Resilienz und nicht berühmten Menschen


Marc  „Vom Golflehrer zum Mann, der im Wald lebt“

 

Marc lebt im Wald. Seit 13 Jahren mit 2 Jahren Vorbereitungszeit. Nach dem Abi machte Marc Zivildienst und studierte danach ein paar Semester Wirtschaftswissenschaften. Er schwang um, begann eine dreijährige Ausbildung zum Diplom-Golflehrer und erlangte seine A-Trainer-Lizenz. Bis zu seinem 39. Lebensjahr arbeitete Marc erfolgreich an Golfschulen, war Bundesliga-Golftrainer, betrieb nebenher einen Handel für Golfer-Bedarf und trainierte Mannschaften. Eine innere Stimme mit einem Gefühl des Unbehagens begleitete ihn stets dabei. Erst als sich ein Burnout bei ihm ankündigte, begann für ihn ein neues Leben. Er entschied sich dafür, erst mal für einige Zeit in der Natur zu leben. 2013 war das, da kündigte er im September seine Wohnung und zog in den Wald.

Seitdem hat er viel erlebt und schmerzhaft gelernt. Heute lebt er auf einem Waldgelände mit drei kleinen selbstgebauten Hütten, einer Solaranlage, einer Trockentoilette, einem selbstausgehobenen Erdkühlschrank und einer Wasserquelle in der Nähe. Er liebt sein Leben, auch wenn es manchmal beschwerlich ist. Vor allem im Winter, wenn er im Herbst nicht genügend Holz gesammelt hat und er raus muss zum Sammeln. Er hat sich vieles selbst beigebracht. Das Schweißen, das Zimmern und das Improvisieren. Ich staune über seine Schreinerarbeiten. Seine Stühle, Tische und Arbeitsplätze sind nicht nur solide gearbeitet, sondern zeigen an vielen Stellen kleine Kunstwerke und Schnitzarbeiten.

Marc ist ein Kämpfer. Wenn er nicht diese Fähigkeit mitgebracht hätte, hätte er vielleicht auch schon aufgegeben. Gleichzeitig habe er von der Natur gelernt, wo es sich nicht lohnt zu kämpfen, meint er nachdenklich. Marc erzählt: „Die Realität in der Natur hat wenig mit dem zu tun, was Viele sich unter einem Leben in der Natur vorstellen: Mäuse im Schlafplatz, tägliche Zecken, ein dauerhaft nasses Bett und Rauch im Zelt. Es sind genau diese Bedingungen, unter denen sich zeigt, welche Konzepte tragen und welche nur gut klingen und romantische Vorstellungen transportieren.“ Heute hat er viele von diesen Problemen gelöst und gibt sein Wissen in Kursen, Vorträgen und Büchern weiter. Marc ist krisenerfahren. 2020 kam eine ganz andere Art von Erfahrung hinzu: Behörden rückten mit einem Großaufgebot an, um seine damalige einfache Behausung zu räumen. Es war ein Schock für ihn, mit welch brachialer Behördengewalt gegen ihn vorgegangen wurde, doch auch lehrreich. „Ich kann nicht aussteigen, doch ich kann einsteigen, in ein anderes Leben. Das hat seinen Preis, doch den anderen Preis will ich nicht mehr zahlen. Ich bin Einsteiger, kein Aussteiger. Mit all meinen Zweifeln hatte ich doch auch Vertrauen ins Neue reinzugehen.“ Er habe damals so etwas wie einen inneren Führer gespürt, der mit Widerwillen reagierte; gegen das Schnelle, die Müllberge in der Stadt und die Masken, die er in der Szene der Golfspieler aufsetzen musste und im gesellschaftlichen Kontext ebenso.


Sein Körper reagierte mit Schlaflosigkeit und dem Gefühl gleich in den Abgrund abzurutschen.  Marc griff auf das zurück, was er konnte. Er coachte sich damals selbst, so wie er seine Schüler coachte. Er stellte ein Flipchart auf und malte zwei Spalten darauf: Was kann ich und was brauche ich?  Er bereitete sich systematisch darauf vor, welche Ernährung er wollte und welche im Wald möglich war, wie er den Winter bestehen kann und welche Dinge und Fähigkeiten er dazu brauche. „Ich fragte mich auch, wofür ich das meiste Geld ausgebe, und ich wusste, dass sich hinter dieser Frage das größte Potential an Freiheit verbarg, wenn ich die Kosten minimieren würde. Denn ich gab -wie der überwiegende Teil der Menschen- das meiste Geld für Wohnraum und Grund aus. Frage für Frage. Antwort für Antwort. Irgendwann stand die Antwort so klar vor mir, dass ich sie nicht mehr wegdenken konnte: Natur. In jeder einzelnen Kleinigkeit. Beruflich, persönlich, als Beitrag – überall die selbe Richtung. Das Flipchart hatte nicht die Krise sichtbar gemacht. Es hatte die Lösung sichtbar gemacht“ (Freukes 2026).

Er gab sich ein Jahr Zeit, sich zu beobachten und zu erfahren, wie es geht, im Wald zu leben, außerhalb der Menschenwelt. Er wollte sein Leben nicht in Gefahr bringen, er wollte ein anderes Leben leben, doch auch ein gutes. Dabei war der Aspekt des Fühlens für ihn absolut wichtig: Wo zieht es mich hin? Wie geht es mir und welches darunter liegende Bedürfnis meldet sich? Doch dabei stehen bleiben, so betont er, wollte er nicht; letzten Endes soll all das ins Handeln führen. Von Grübeln und Jammern werde er nicht satt und es bliebe kalt.


Marc beschäftigte sich stark mit der Wildnis-Erlebnispädagogik, die die Einstellung vertritt: du bist Gast in der Natur. Mit dieser Gastideologie hatte er den Anspruch, Mäuse und anderes Getier nicht zu töten und so wuchsen ihm Nager und andere Nutznießer seiner Vorräte über den Kopf. All seine Vorräte fanden sie köstlich. Er habe viele Ideologien aufgeben müssen, um in der Wildnis zu leben. Das war ernüchternd doch auch heilsam für ihn. Marc musste hart lernen, mit vielen Schmerzen und Erkenntnissen, körperlich spürbar. Aus dem Schmerz heraus lernen.

Marc hat nicht aufgegeben. Er meint: „Wo die meisten aufgeben, da fange ich an. Meine Hartnäckigkeit hat mir geholfen, da zu sein, wo ich heute bin.“ Die Technik nehme einem heute viel ab. Doch die Erfahrung des Selbstmachens habe ihm gezeigt, das eigene Handeln behalten zu können. „Als Golflehrer hatte ich stets die Erfahrung, alles war warm im Winter, ich muss mich nicht um mein Essen sorgen, ich werde trocken zur Arbeit gefahren. Ich merkte nicht den Anspruch, es muss alles einfach sein, muss funktionieren und warm sein, wie in Muttis Gebärmutter.  So musste ich die schmale Gradwanderung schaffen zwischen - mir nicht zu viel abnehmen zu lassen, um nicht runterzufallen in den Konsum und in nicht-selbst-gelebtes-Leben und: - alles selbst machen und dabei mit Überforderung zu reagieren, den Boden zu verlieren und abzustürzen in den Abgrund.“

Marc überlegt häufig in seinem jetzigen Leben, was er noch weglassen könnte. „Letzen Endes müssen wir alles loslassen. Heut habe ich die Freiheit Essen selbst einkaufen zu können. Ich liebe das. Ich will nicht indigen leben. Ich brauche meine gewisse Menge an Kalorien, um im Wald die Arbeit meistern zu können. So habe ich auch ein Auto.“ Weglassen könne er gut den Stress. „Ich habe immer noch zu stark den Fokus darauf, was ich alles noch machen könnte, statt auf was ich noch weglassen könnte.“ Das mache ihm den Alltag manchmal hier draußen noch anstrengend. „Du nimmst deinen Schatten immer mit. Alles kann ein Gefängnis werden. Sogar meine Arbeit mit social media. Auch hier draußen gibt’s ein Hamsterrad, das sich anbietet. Ich muss da mit meiner Energie aufpassen; ich werde ja nicht jünger.“


Marc stellt sich immer wieder die Frage: Was bleibt von dem Marc eigentlich noch übrig, der hier im Wald lebt, von dem Marc, der hierher kam?  „Hier im Wald, da spielt es gar keine Rolle mehr, ob ich einen Doktortitel habe, welche Frisur ich trage und ob ich Markenkleidung anziehe. Hier zerfließt diese gesellschaftliche Identität. Da das gesunde Maß zu finden, das ist mir wichtig. Diese gesellschaftliche Identität gibt ja auch Sicherheit, doch bin ich das wirklich? Hier in der Natur geht es immer um die eigene Existenz. Hier bin ich Niemand.“ („Sei niemand!“ ist ein Buch von Marc Freukes)

Ja, hier im Wald muss er niemand sein. Er ist schon längst, das genügt und das kann er hier erblühen lassen. Wieviel braucht man/frau eigentlich von dieser gesellschaftlichen Rolle, die einem Sicherheit gibt, die aus Erziehung und Gesellschaft jeder mitbringt und wer bin ich noch?  „Ich kann vieles, Holz schnitzen, ein Bett sägen und zusammenbauen, schweißen und fantasievolle, leckere Gerichte auf meinem selbstgebauten Ofen kochen. Ich bin viele und lasse meine Möglichkeiten nicht verkümmern und lerne immer noch dazu.“


Marc ist von der Natur total begeistert, den Wind zu hören, der sich von seinem Bett wie Musik anhört, die Farben im Wald, das Grün der Blätter und die Sonne, die dazwischen durchscheint und Schattenbilder auf seinem Rundzelt malt. „Damals hatte ich das Gefühl in meinem Leben, ich säße in einem Zug und die Landschaft raste an mir vorbei. Natürlich ist dieses Holzmachen heute anstrengend. Doch auch das Harte kann gut sein. Irgendwann muss ich nicht mehr denken, sondern ich säge und hacke; es gehört dazu und dann mache ich das. Hier draußen gilt für mich, die negativen Aspekte anzunehmen. Ich brauche keine Perfektion. Es gibt sie nicht.  Ich bin auch mit weniger Prozent zufrieden.  Da reichen mir die 80 Prozent. Das zu erkennen, war natürlich ein Prozess und die Natur war mein Lehrer. Gnadenlos.“

Marc lebt hier mit seinem Hund und ich frage mich, welche Partnerin oder Lebensgemeinschaft ein solches Leben mit ihm teilen wollten. Marc meint: „Ich komm mit mir alleine gut klar. Ich habe ein großes Herz und Freundschaft bedeutet für mich sehr viel und da bin ich sehr verletzlich. Ich muss mit der Art des anderen klarkommen. Und da spielt Verlässlichkeit eine große Rolle. Die Natur bestimmt hier, nicht unbedingt immer deine Lust, wann was gemacht werden muss. Ich wollte nicht in einer Gemeinschaft leben. Ich habe Freunde außerhalb des Waldes. Und wenn ich Lust auf Gesellschaft oder zum Beispiel auf Kino habe, da kann ich dorthin und auch wieder zurück.“


Vorwort     Warum dieses Buch?


Es begann in einer Nacht nach der Stille der Pandemie. In einem Traum sah ich mich selbst durch ein endloses Bürogebäude rennen, auf der Suche nach Akte 7 – jenem geheimen Bündel Wahrheit, das die Politiker und Konzerne unter Verschluss zu halten schienen. Als ich es endlich fand, schwer von verborgenen Geschichten, verlor ich jeden Ausgang: Türen verriegelt, Flure endeten in Wänden, und mein Herz schlug wie ein Tier im Käfig. Schweißnass erwachte ich – und wusste: Ich werde diese Akte neu schreiben.

Seit dieser Zeit schrieb ich an diesem Buch, sichtete frühere Artikel von mir und bereitete sie auf.


In dieser Zeit war ich viel mit meiner Kamera unterwegs und mit ihr ging ich auf die Menschen zu, die mir begegneten, fragte sie nach ihrem Leben und ihren Träumen, auf der Suche nach einem guten Leben, ohne auf Kosten anderer.

Ich streifte durchs Land, suchte Menschen und sammelte ihre Geschichten von Freiheit. Ich fühlte mich wie ein stiller Beobachter auf einem Außenposten.


Von dort aus sah ich eine Welt, in der man den Menschen sagt, welche Richtung die richtige sei – eine äußere Haltung genügt, Authentizität bringt keine likes. Masken glänzen wie eh hell im Licht der Talkshows, wo Berufspolitiker mit eingeübter Rhetorik erklären: „…ich verstehe Sie, Sie müssen aber vorrangig sehen, dass…“. Sätze wie Alibi­gesten. Im Hintergrund werden andere Gesetze geschmiedet – Enger für die Menschen, weicher für die Konzerne. Berufspolitiker sagen, was die Leute hören wollen. Sie verhalten sich rhetorisch elegant und am Ende machen sie genau das Gegenteil von dem, für was sie sich ausgesprochen haben.

Vielleicht ist die Angst vor der Freiheit zu groß.


Als Therapeut weiß ich, es ist nicht lösend, sondern verschiebend, wenn ich Symptome bekämpfe, ohne Fragen zu stellen, was der Hintergrund dafür ist, wie es ist und was der systemische Zusammenhang ist, dass es so ist wie es ist. Maschinendenken, mechanisches Denken ist linear und hat nichts mit Menschen und Natur zu tun. Wer mächtig ist und dominant, der kann mit linearen Mitteln besser lenken und dominieren, als wenn Rückkoppelung und Feedback die Regel wäre. Linear denken ist auf Macht und Kapitaldenken ausgerichtet. Dieses Maschinendenken entfernt vom Menschen. Es wird vermieden in Beziehungsdenken zu gehen, wo Gefühle und Unsicherheiten entstehen und Mitwirkung gewünscht ist.

 

So regiert auch zunehmend das Format der „maschinellen Medizin“, sich immer weniger mit dem Patienten ins Gespräch zu begeben, weil geringer vergütet, um zu erklären und zu erforschen, in welchem Kontext, der Lebenszusammenhänge das Symptom steht. Beziehung wird eher vermieden und durch Medikamentengabe ersetzt. Eine vorschnelle Medikamentengabe hält den Arzt und die Ärztin vom Patienten in Abstand; sie halten sich aus dem Menschlichen herausaus. Ich spreche hier von der medizinischen Praxis des Hausarztes und des Klinikbetriebes, die keine Gesundheitszentren mehr sind, sondern Gesellschaften, die Gewinn machen müssen. Ich bewundere die Mediziner und Medizinerinnen, die bei all der Zeittaktierung noch Menschen bleiben können und habe große Hochachtung vor allen Operateuren und deren Handwerkskunst. Sie leisten in diesem unmenschlichen Kontext Großartiges.


Nicht in Beziehung gehen macht es auch leichter zu töten. Es werden ferngelenkte Drohnen eingesetzt zum Zerstören. Die Technik dominiert und entfernt die Menschen immer mehr voneinander. Auch hier wird die Gesellschaft nicht gefragt, es findet kein Dialog statt, ob die Bevölkerung das so will. Natürlich, die Technik muss ich nicht generell verteufeln. Sie macht mein Leben leichter. Sie ist aber auch gefährlich und bräuchte eine reflektierte Haltung im Gleichgewicht von Notwendig und Bereicherung fürs Leben und andererseits eine Wahrnehmung, wo sie Beziehung verhindert und von der lebendigen Welt entfremdet, ja sogar Machtstrukturen etabliert.

Jeder Mensch hat die Sinne als Geschenk mitbekommen. Sie verankern den Menschen in der Welt, machen ihn präsent und geben ihm das Heimatgefühl auf der Erde. Den Tastempfindungssinn setzen wir ständig unbewusst ein. Wir berühren uns selbst, Gegenstände und andere Menschen. Dabei geschieht das zunehmend unbewusst. Wenn wir das bewusst wahrnehmen und aufmerksam spüren, nehmen wir die Dinge aus der Umgebung tastend heraus und spüren gleichzeitig unseren eigenen, vielleicht vergessenen Leib. Ohne Tasten und Greifen wäre die Welt ohne Widerstand, ohne Tiefe, ohne Grund. Getastetes erscheint meist wirklicher als Geschehenes. Genauso ist es mit unseren anderen Sinnen. So ist die Voraussetzung für das Hören die Stille.

Erst wer aufhört aktiv und laut zu sein, kann dem Anderen zuhören. Um zur Ruhe zu kommen, muss man auf-hören. Der Mensch produziert in seinem Körperkern eine gleichmäßige Wärme. An dieser Temperatur bemisst sich, was wir als kalt und warm erleben. Unser Wärmesinn von kalt, warm, heiß und lau sind relativ, auf die Eigentemperatur des Leibes und seiner Geschichte bezogen. Haben wir eine warme Atmosphäre als Kind erlebt oder eine kalte, abweisende? Wie drückt sich unser Wärmesinn in Zwischenmenschlicher Beziehung aus? Bei Kälte ziehen wir uns zusammen und in einer warmen Atmosphäre erweitern wir uns.

Gleichzeitig ist ein Weggehen vom Zwischenmenschlichen ein Weggehen von Komplexität. Beziehung ist komplizierter als eine berechenbare Technik. Technik bietet scheinbare Berechenbarkeit und damit Sicherheit in einer unsicheren Welt. Doch gelingt es nicht. Sicherheit finde ich, wenn ich mich mit etwas verbinde, mit meinem Körper oder der Natur. Aus dieser Verbundenheit merke ich was für mich wichtig ist und wie ich, wenn ich mich verloren habe, wieder zu mir zurückfinde, zu mir selbst komme.


Es ist nicht das Waldbaden oder Yoga, um mich zu optimieren, denn dann benutze ich den Wald oder eine philosophische Haltung, um das Hamsterrad auszuhalten, in dem ich mich befinde. Ich bin nicht in einer sinnlichen Wahrnehmung, sondern suche Wege zu funktionieren, um ein fremdes Leben zu führen. Doch was ist dein authentisches Leben?

Wir Menschen sollten uns immer wieder in Frage stellen, in Reflexion gehen, um die sogenannte Wirklichkeit zu überprüfen. In meinem Beruf als Therapeut stoße ich in der Medizin häufig auf Menschen, die sich die Welt so machen, wie sie sie brauchen und sie günstig für sie ist. Forschungszusammenhänge haben einen totalitären Charakter angenommen. Ich bin mir sicher, die meisten Schulmediziner wissen gar nicht, wie sie mit ihren Klienten umgehen; sie wissen nicht, was sie falsch machen, weil ihnen das gar nicht bewusst ist. Sie hinterfragen ihr Menschenbild nicht. Wenn die Corona-Pandemie-Zeit nicht so emotionalisiert wäre, wäre die Zeit jetzt ein guter Beginn sich zu hinterfragen, eine Reflexion gemeinsam, wie es dazu kommen konnte, wie diese Zeit ausgetragen wurde. Wir hatten vor achtzig Jahren schon einmal eine Zeit, wo Mediziner ein Menschenbild vertraten, die die Menschen als Maschinen sahen und die sich Verbrechern angedient hatten. Auch in der Coronazeit sind Mediziner in ihrem Verständnis von einem mechanischen Menschenbild verführbar geworden, unmenschliches zu akzeptieren und dies teilweise selbst ausgedrückt haben. Leider sehen wir, dass diese Aufarbeitung nicht gelingt; diese damals verantwortlichen Menschen tun es nicht. Sie haben Fehler gemacht und wollen Recht behalten und auf ihren Stühlen sitzen bleiben. Sie sind narzisstisch und haben Schuld und sind nicht fähig sich dazu zu stellen.

 

Mit diesen Gedanken fuhr ich unserem T5 mit Dachzelt durchs Land, spürte mein nervöses Herz bei jeder Nachricht aus dem Autoradio, bei jeder Bühne der Macht.
Als Teil dieses Ganzen, hinterlasse ich Spuren, kann nicht unschuldig bleiben. Während ich schrieb, sah ich meine Bienen sterben, vergiftet von Glyphosatstoffen, von denen es hieß, sie seien endlich verboten worden, aber doch zurückkehrten unter einem neuen, harmlos klingenden Namen. Was kann ich tun in diesem Netz aus Macht, Konzernen, Lobby? Ich geh darauf ein im Artikel Von der Ohnmacht zum Handeln.

Ich meide immer noch die Sieger. Die Masse tut mir nicht gut.

Von meinem Außenposten aus drehe ich die Lautstärke der Welt herunter: weniger Nachrichten. Als Körpertherapeut weiß ich, mein gesunder, angeborener Angstmechanismus wird sonst ständig befeuert, überreizt und verliert die Balance zum Äquivalent Risiken einzugehen und etwas zu wagen. Zuviel Angst hindert ein genussvolles Leben zu leben. Zu viel davon macht das Leben eng. Wie die Politik bewusst mit Angst arbeitet, erzähle ich später im Artikel Wie Macht funktioniert.

Ich wundere mich nicht mehr über sogenannte „Unregelmäßigkeiten“ von Politiker*INNEN, die vorher laut von Moral sprachen.  Ich finde meine eigenen, stillen Wege durch dieses Dickicht der Interessen. Ich erwarte keine Entschuldigungen mehr, wenn demokratisch gewählte VolksvertreterInnen Menschen wie mich Clowns nennen, Phantasten oder Covidioten – alles Worte, die trennen sollen und die spalten. Ich weiß, dass mein Engagement als Teil eines politischen Interesses umgedeutet und so meine Person instrumentalisiert wird, wenn ich für den Frieden auf die Straße gehe. Die gegenwärtige Politik strebt nach Machterhalt, Stärke und Geld und überlässt die digitale Welt Konzernen mit Privatpersonen an der Spitze; ja sie kauft sogar Drohen von einem Unternehmen, in dem Peter Thiel Anteile hat, zusammen mit Sequoia Capital, einer Risikokapitalgesellschaft, die mit Apple, Google You Tube und Instagram zusammenarbeiten.


Mein Tun ändert nicht die Welt. Auch nicht mit diesem Buch. Schon als Kind wanderte ich auf Nebenwegen, jene schmalen Pfade, auf denen Schleiereulen wohnten. Ihre großen, drehbaren Augen sahen damals ein traumatisiertes Zuhause und einen Krieg, der Generationen später immer noch in den Menschen weiterlebte, in meiner Großmutter, meinen Eltern und der mir transgenerativ weitergegeben wurde. Heute sehen diese Augen ein anderes Land, anders zerstört. Und mich mittendrin.

Diese Eulen sehen heute Konzerne, die aus Menschen bestehen wie du und ich, und die immer mehr in Besitz nehmen, Land besetzen, Götter töten und Landschaften roden, es pflastern oder mit genmanipulierten Pflanzen bebauen. Sie sehen Menschen, die von Wildnis sprechen, während im Hintergrund der Wolf zum Abschuss steht. Sie schauen auf diese Menschen, die sich vor Bienen und Wespen und anderem Kleingetier fürchten und die den Zusammenhang zwischen Mandelschokolade und der Biene nicht kennen. Sie fahren mit Stolz ihr „nachhaltiges“ Elektroauto und sehen nicht die Wunden der Bevölkerung Boliviens oder Portugals, der Meere und Ozeane, wo Seltene Erden im großen Stil aus den Tiefen gerissen werden. Viele spenden und delegieren das eigene Tun an Organisationen – und fühlen sich erleichtert und auf der guten Seite.


Spekulanten spielen an der Börse damit, dass unser Bankensystem in antizyklischen Wellenfunktioniert, in denen der Leitzins politisch gesteuert wird: Bei schwacher Wirtschaft wird er normalerweise gesenkt und bei starker Wirtschaftsentwicklung angehoben. Die antizyklische Geldwirtschaft, die wiederkehrend zu Inflationserscheinungen führt, ließe sich nur mit einem Währungssystem abschaffen, in dem, so schließt die Pionierin Margrit Kennedy, nicht mehr auf unendliches Wirtschaftswachstum gezielt und nicht mehr verzinst wird (Margrit Kennedy 1991). Im Jahr 2020 gab statistisch bei einer Umfrage die Hälfte der Deutschen an, dass Kapitalismus ihrer Meinung nach den meisten Menschen eher schadet als nutzt und nur noch 12,5 Prozent waren der Meinung, persönlich von einer wachsenden Wirtschaft zu profitieren (Arvay, Moog 2023). Immer mehr Menschen scheint aufzugehen, dass Wirtschaftswachstum und Politik mehr auf den Nutzen einer reichen Minderheit ausgelegt sind, welche die Produktionsmittel in ihren Händen hält und immer reicher wird und weniger auf das Wohl der Menschen an der Basis.


Auf meinem Außenposten suche ich nach Wegen hinaus aus dem, was man Realität nennt. Ich suche Heilung – für mich, für uns, für diese Zeit. Ich bleibe kritisch-beweglich und bewusst. Ich suche Menschen, die sich ihre Unvollkommenheit eingestehen können, ihre Schwäche, ihre Unsicherheit. Ich suche einen Weg aus Trennung, Gewalt und Ausbeutung; stehe in Kontakten mit anderen bewussten Menschen und setze mich mit ihren Veröffentlichungen auseinander, die mit Weitblick und Professionalität auf das gegenwärtige Geschehen schauen wie zum Beispiel Prof. Helga Kromp-Kolb, Gerald Hüther oder dem Psychoneurologen Joachim Bauer und früher mit Clemens Arvay.

Genesung folgt eigenen Gesetzen: Sie entwickelt sich organisch, pendelt zwischen Schmerz und Werden, braucht Zeit und Stille und das Vertrauen, dass Scheitern dazugehört. Erste Symptome wollen gehört, nicht weggedrückt und verdrängt werden.

Ich habe kein fertiges Konzept für die Umgestaltung zu einer besseren Welt, doch weiß ich um Rahmenbedingungen und Zusammenhänge, wie Veränderungen im Sinne einer Genesung geschehen können, um zu gesunden und zu langfristigen Veränderungen werden zu können, und so, als gestärkter Organismus eher Krisen standhalten kann. In meinen Beiträgen wird die Rede davon sein.


Wenn ich mit meiner Kamera am Fluss sitze und die Kormorane beim Trocknen ihrer Flügel beobachte, dann denke ich, den Menschen fehlt bodenhaftende Spiritualität. Ich meine nicht eine abgehobene Vorstellung von Spiritualität, das Aufstellen von Engeln oder das Schweben über der Erde. Für mich ist Spiritualität ziemlich leise und findet vor allem im Fühlen statt, in der Verbundenheit mit der Natur und den Tieren. Ich bin mit ihr und ihnen dankbar verbunden, ohne sie gäbe es mich nicht. Mit diesem verbundenen Gefühl kann ich Natur und Tiere nicht mehr als Ding betrachten und wie mit einem Ding umgehen.

Wenn ich so unterwegs bin und auf Menschen treffe und mit ihnen ins Gespräch komme, spüre ich meine Neugierde auf diese Menschen. Es sind „einfache“ Menschen. Für mich machen sie die Welt aus; niemand erzählt von ihnen. Es ist der Schäfer meines Dorfes, in dem ich wohne, der Zimmermann, der meinen Speicher abgedichtet hat oder Menschen, denen ich auf Demonstrationen, Gremien, Festen und Feiern begegnet bin. So war ich als Delegierter zum ERSTEN PARLARMENT DER MENSCHEN in Berlin eingeladen. Ich traf Menschen, die auf LARP´s neue Identitäten probten und Menschen auf Campingplätzen, die dort fest leben, so auch auf einen Mann, der mit seinem Wohnmobil und seiner dementen Ehefrau immer an den gleichen Ort fährt und so aus dem Schicksal versucht das Beste zu machen.

Auf diesem Unterwegs-Sein traf ich auch auf Menschen, die sich nur in ihrer Wut entrüsteten. Sie schienen mir eher in Aufrüstung zu sein. Aufgerüstet in Wut und Verzweiflung, im Geiste der Weltverbesserung, im Zustand der Selbstausbeutung, im Gefühl des Scheiterns und der Ohnmacht, nicht in sich verankert, sondern außer sich vor Empörung. Im Kontakt mit ihnen ging ich in Distanz. Ich verstehe ihre Verzweiflung, das Gefühl der Ohnmacht und auch ihre Lähmung oder Wut. Dort fand meine Suche keinen Boden; ihr Trauma war zu tief.


Für dieses Buch fand ich andere: Menschen, die weiter fragen, die nicht aufgehört haben zu denken, die schöpferisch an sich wachsen. Ich stelle sie mit ihren Geschichten in den Kontext dieser Zeit, der Machtströme, wie über sie verfügt wird und der Geldflüsse, die sich in Milliardensummen bewegen, abstrakte Summen, während ihr Konto durch Energie- und Lebensmittelkosten immer kleiner wird.

Manchmal lasse ich nur Gesichter in meinen Bildern sprechen. Es sind „einfache“ Menschen – und gerade deshalb besondere. Sie suchen. Oder sie haben gefunden.


In diesem Reisebericht erzähle ich von der Möglichkeit einer anderen Welt. Diese menschenwürdige Welt ist komplex, unübersichtlich, fordert Geduld, und sie gibt keine Garantien – und doch existiert sie bereits. Philosophen, Wissenschaftlerinnen, Älteste und Weise, sie alle schreiben oder reden ebenfalls über sie. Doch solche Menschen werden eher selektiv gehört. Wie ich sicher auch. Doch ich muss schreiben. Jeder Baum, jeder Käfer, jede Biene fordert es von mir. Sie sprechen zu mir und ich muss ihnen eine Stimme geben.

 

Im Almanach der OAY-Zeitschrift von 2026 wird von dem Begriff des „Vorausliebens“ gesprochen. Das hat mir gefallen. Im Kern geht es beim „vorauslieben“ darum, nicht nur auf eine bessere Welt zu hoffen oder sich eine solche nur vorzustellen, sondern jetzt schon die Aspekte dieser besseren Welt zu leben, wertzuschätzen und zu fördern und in den Alltag zu integrieren, auch wenn sie (noch) nicht voll realisiert sind.

Damit ist gemeint, dass die Zukunft nicht bloß passiv zu erwarten ist, sondern dass aktiv Aspekte einer guten Zukunft in der Gegenwart genährt werden. Visionen und Praktiken des guten Lebens sollen schon jetzt geliebt, praktiziert und in der Welt verankert werden – auch wenn sie noch unvollständig sind. Gemeinschaftliche, lebensdienliche Praktiken werden als „Funken“ von dem begriffen, was noch kommen soll und im Alltag wirklich ausprobiert und gepflegt wird.


Es ist ein Gegensatz zur reinen Hoffnung oder zur bloßen Kritik an bestehenden Zuständen. Stattdessen formuliert OYA eine Haltung, die sowohl realistisch als auch pragmatisch-utopisch ist: „Nicht nur glauben, dass eine gute Welt möglich ist, sondern schon heute Verhaltensweisen, Beziehungen und Praktiken pflegen, die zu einer solchen Welt gehören würden.“

Dabei ist zwischen hoffen und vorauslieben zu unterscheiden. Hoffen ist eine offene Erwartung oder Wunschhaltung. Vorauslieben geht darüber hinaus: Es ist eine bewusste, affektive Ausrichtung auf das, was „gutes Leben für alle“ bedeutet – und zwar im Hier und Jetzt, d. h. praktisch gelebte Elemente einer anderen Gesellschaft, die bereits existieren und verbreitet werden können, und damit eine Zukunftskultur pflegen, statt nur über Krisen zu sprechen. So können transformatorische Impulse zu Keimlingen werden, die Wurzeln schlagen und unsere Lebenspraxis verändern.


Ich möchte Sie mit diesem Buch einladen, bewusst Aspekte einer gewünschten Zukunft bereits heute zu lieben, manches selbst zu praktizieren und sichtbar zu machen – nicht in der Hoffnung, dass sie irgendwann einmal kommen, sondern als lebendige Praxis und Haltung im Hier und Jetzt. Ich möchte mit Geschichten, Gesprächen, Reportagen und Bildkunst zeigen, wie Menschen und Bewegungen gute Zukünfte schon jetzt lieben und nähren, auch in Zeiten von Krisen und Unsicherheit.

Zwischen den Geschichten und Exkursen lasse ich Bilder sprechen, Bilder aus meiner Reihe der METAMORPHOSEN in Anspielung des Geflechts aus Wechselwirkungen, Rückkoppelungsprozessen und Emergenz, von denen ich schreibe. Diese Verwobenheit zeige ich in Bildern auf sinnliche Weise. Sie zeigen meine Wahrnehmung der Natur und wollen die Komplexität auf eine andere Art als der der intellektuellen Verstehensweise zeigen.


Die Frage bei einem BILDband ist immer, ist das Kunst? Mich ziehen Bilder an, die eine Absicht haben. Dabei ist die Frage für mich wichtig, welche Beziehung stellen die Bilder zum Künstler her und beide welche Beziehung zur Welt. Es geht darum, wie die Bilder „gelesen“ werden können. Die Bilder sollten einen Grund haben, dass sie gemacht wurden, weil sie eine Aussage haben, und da reicht das Ästhetische nicht aus. Es ist unwichtig, ob sie den sogenannten technischen Ansprüchen genügen oder nicht, ob sie Laborabzüge sind oder Prints. Die Bilder müssen eine Verantwortung zeigen und zeigen, wie sie denken.

Dazwischen tauchen in diesem Buch auch Bilder der Reihe der ZENfotografie auf.  Sie bieten Ihnen kleine Pausenräume, die einladen zum Sich-Sammeln, zum Versinken, dass etwas in Ihnen vielleicht aufleuchtet – ein Ton, ein Bild, ein Gefühl. Ich wünsche mir, dass ich in Ihren Köpfen und bei Manchen im Herzen etwas zum Leuchten bringe und dort ein Berührt-Sein anrege.

Ich tu das mit den Mitteln der Kunst. Gerade die Kunst sollte nichts verschweigen.