Buchprojekt:      Über die Grenzen träumen


Ein politisches Buch der Künste

Es erzählt von gelungenen Alternativen und zeigt Bilder vom Werden und Vergehen und neuem Werden, dem Kreislauf des Lebendigen.



lesen Sie auf dieser Seite das Vorwort.....



Vorwort     Warum dieses Buch?


Es begann in einer Nacht nach der Stille der Pandemie. In einem Traum sah ich mich selbst durch ein endloses Bürogebäude rennen, auf der Suche nach Akte 7 – jenem geheimen Bündel Wahrheit, das die Politiker und Konzerne unter Verschluss zu halten schienen. Als ich es endlich fand, schwer von verborgenen Geschichten, verlor ich jeden Ausgang: Türen verriegelt, Flure endeten in Wänden, und mein Herz schlug wie ein Tier im Käfig. Schweißnass erwachte ich – und wusste: Ich werde diese Akte neu schreiben.

Seit dieser Zeit schrieb ich an diesem Buch, sichtete frühere Artikel von mir und bereitete sie auf.


In dieser Zeit war ich viel mit meiner Kamera unterwegs und mit ihr ging ich auf die Menschen zu, die mir begegneten, fragte sie nach ihrem Leben und ihren Träumen, auf der Suche nach einem guten Leben, ohne auf Kosten anderer.

Ich streifte durchs Land, suchte Menschen und sammelte ihre Geschichten von Freiheit. Ich fühlte mich wie ein stiller Beobachter auf einem Außenposten.


Von dort aus sah ich eine Welt, in der man den Menschen sagt, welche Richtung die richtige sei – eine äußere Haltung genügt, Authentizität bringt keine likes. Masken glänzen wie eh hell im Licht der Talkshows, wo Berufspolitiker mit eingeübter Rhetorik erklären: „…ich verstehe Sie, Sie müssen aber vorrangig sehen, dass…“. Sätze wie Alibi­gesten. Im Hintergrund werden andere Gesetze geschmiedet – Enger für die Menschen, weicher für die Konzerne. Berufspolitiker sagen, was die Leute hören wollen. Sie verhalten sich rhetorisch elegant und am Ende machen sie genau das Gegenteil von dem, für was sie sich ausgesprochen haben.

Vielleicht ist die Angst vor der Freiheit zu groß.


Als Therapeut weiß ich, es ist nicht lösend, sondern verschiebend, wenn ich Symptome bekämpfe, ohne Fragen zu stellen, was der Hintergrund dafür ist, wie es ist und was der systemische Zusammenhang ist, dass es so ist wie es ist. Maschinendenken, mechanisches Denken ist linear und hat nichts mit Menschen und Natur zu tun. Wer mächtig ist und dominant, der kann mit linearen Mitteln besser lenken und dominieren, als wenn Rückkoppelung und Feedback die Regel wäre. Linear denken ist auf Macht und Kapitaldenken ausgerichtet. Dieses Maschinendenken entfernt vom Menschen. Es wird vermieden in Beziehungsdenken zu gehen, wo Gefühle und Unsicherheiten entstehen und Mitwirkung gewünscht ist.

 

So regiert auch zunehmend das Format der „maschinellen Medizin“, sich immer weniger mit dem Patienten ins Gespräch zu begeben, weil geringer vergütet, um zu erklären und zu erforschen, in welchem Kontext, der Lebenszusammenhänge das Symptom steht. Beziehung wird eher vermieden und durch Medikamentengabe ersetzt. Eine vorschnelle Medikamentengabe hält den Arzt und die Ärztin vom Patienten in Abstand; sie halten sich aus dem Menschlichen herausaus. Ich spreche hier von der medizinischen Praxis des Hausarztes und des Klinikbetriebes, die keine Gesundheitszentren mehr sind, sondern Gesellschaften, die Gewinn machen müssen. Ich bewundere die Mediziner und Medizinerinnen, die bei all der Zeittaktierung noch Menschen bleiben können und habe große Hochachtung vor allen Operateuren und deren Handwerkskunst. Sie leisten in diesem unmenschlichen Kontext Großartiges.


Nicht in Beziehung gehen macht es auch leichter zu töten. Es werden ferngelenkte Drohnen eingesetzt zum Zerstören. Die Technik dominiert und entfernt die Menschen immer mehr voneinander. Auch hier wird die Gesellschaft nicht gefragt, es findet kein Dialog statt, ob die Bevölkerung das so will. Natürlich, die Technik muss ich nicht generell verteufeln. Sie macht mein Leben leichter. Sie ist aber auch gefährlich und bräuchte eine reflektierte Haltung im Gleichgewicht von Notwendig und Bereicherung fürs Leben und andererseits eine Wahrnehmung, wo sie Beziehung verhindert und von der lebendigen Welt entfremdet, ja sogar Machtstrukturen etabliert.

Jeder Mensch hat die Sinne als Geschenk mitbekommen. Sie verankern den Menschen in der Welt, machen ihn präsent und geben ihm das Heimatgefühl auf der Erde. Den Tastempfindungssinn setzen wir ständig unbewusst ein. Wir berühren uns selbst, Gegenstände und andere Menschen. Dabei geschieht das zunehmend unbewusst. Wenn wir das bewusst wahrnehmen und aufmerksam spüren, nehmen wir die Dinge aus der Umgebung tastend heraus und spüren gleichzeitig unseren eigenen, vielleicht vergessenen Leib. Ohne Tasten und Greifen wäre die Welt ohne Widerstand, ohne Tiefe, ohne Grund. Getastetes erscheint meist wirklicher als Geschehenes. Genauso ist es mit unseren anderen Sinnen. So ist die Voraussetzung für das Hören die Stille.

Erst wer aufhört aktiv und laut zu sein, kann dem Anderen zuhören. Um zur Ruhe zu kommen, muss man auf-hören. Der Mensch produziert in seinem Körperkern eine gleichmäßige Wärme. An dieser Temperatur bemisst sich, was wir als kalt und warm erleben. Unser Wärmesinn von kalt, warm, heiß und lau sind relativ, auf die Eigentemperatur des Leibes und seiner Geschichte bezogen. Haben wir eine warme Atmosphäre als Kind erlebt oder eine kalte, abweisende? Wie drückt sich unser Wärmesinn in Zwischenmenschlicher Beziehung aus? Bei Kälte ziehen wir uns zusammen und in einer warmen Atmosphäre erweitern wir uns.

Gleichzeitig ist ein Weggehen vom Zwischenmenschlichen ein Weggehen von Komplexität. Beziehung ist komplizierter als eine berechenbare Technik. Technik bietet scheinbare Berechenbarkeit und damit Sicherheit in einer unsicheren Welt. Doch gelingt es nicht. Sicherheit finde ich, wenn ich mich mit etwas verbinde, mit meinem Körper oder der Natur. Aus dieser Verbundenheit merke ich was für mich wichtig ist und wie ich, wenn ich mich verloren habe, wieder zu mir zurückfinde, zu mir selbst komme.


Es ist nicht das Waldbaden oder Yoga, um mich zu optimieren, denn dann benutze ich den Wald oder eine philosophische Haltung, um das Hamsterrad auszuhalten, in dem ich mich befinde. Ich bin nicht in einer sinnlichen Wahrnehmung, sondern suche Wege zu funktionieren, um ein fremdes Leben zu führen. Doch was ist dein authentisches Leben?

Wir Menschen sollten uns immer wieder in Frage stellen, in Reflexion gehen, um die sogenannte Wirklichkeit zu überprüfen. In meinem Beruf als Therapeut stoße ich in der Medizin häufig auf Menschen, die sich die Welt so machen, wie sie sie brauchen und sie günstig für sie ist. Forschungszusammenhänge haben einen totalitären Charakter angenommen. Ich bin mir sicher, die meisten Schulmediziner wissen gar nicht, wie sie mit ihren Klienten umgehen; sie wissen nicht, was sie falsch machen, weil ihnen das gar nicht bewusst ist. Sie hinterfragen ihr Menschenbild nicht. Wenn die Corona-Pandemie-Zeit nicht so emotionalisiert wäre, wäre die Zeit jetzt ein guter Beginn sich zu hinterfragen, eine Reflexion gemeinsam, wie es dazu kommen konnte, wie diese Zeit ausgetragen wurde. Wir hatten vor achtzig Jahren schon einmal eine Zeit, wo Mediziner ein Menschenbild vertraten, die die Menschen als Maschinen sahen und die sich Verbrechern angedient hatten. Auch in der Coronazeit sind Mediziner in ihrem Verständnis von einem mechanischen Menschenbild verführbar geworden, unmenschliches zu akzeptieren und dies teilweise selbst ausgedrückt haben. Leider sehen wir, dass diese Aufarbeitung nicht gelingt; diese damals verantwortlichen Menschen tun es nicht. Sie haben Fehler gemacht und wollen Recht behalten und auf ihren Stühlen sitzen bleiben. Sie sind narzisstisch und haben Schuld und sind nicht fähig sich dazu zu stellen.

 

Mit diesen Gedanken fuhr ich unserem T5 mit Dachzelt durchs Land, spürte mein nervöses Herz bei jeder Nachricht aus dem Autoradio, bei jeder Bühne der Macht.
Als Teil dieses Ganzen, hinterlasse ich Spuren, kann nicht unschuldig bleiben. Während ich schrieb, sah ich meine Bienen sterben, vergiftet von Glyphosatstoffen, von denen es hieß, sie seien endlich verboten worden, aber doch zurückkehrten unter einem neuen, harmlos klingenden Namen. Was kann ich tun in diesem Netz aus Macht, Konzernen, Lobby? Ich geh darauf ein im Artikel Von der Ohnmacht zum Handeln.

Ich meide immer noch die Sieger. Die Masse tut mir nicht gut.

Von meinem Außenposten aus drehe ich die Lautstärke der Welt herunter: weniger Nachrichten. Als Körpertherapeut weiß ich, mein gesunder, angeborener Angstmechanismus wird sonst ständig befeuert, überreizt und verliert die Balance zum Äquivalent Risiken einzugehen und etwas zu wagen. Zuviel Angst hindert ein genussvolles Leben zu leben. Zu viel davon macht das Leben eng. Wie die Politik bewusst mit Angst arbeitet, erzähle ich später im Artikel Wie Macht funktioniert.

Ich wundere mich nicht mehr über sogenannte „Unregelmäßigkeiten“ von Politiker*INNEN, die vorher laut von Moral sprachen.  Ich finde meine eigenen, stillen Wege durch dieses Dickicht der Interessen. Ich erwarte keine Entschuldigungen mehr, wenn demokratisch gewählte VolksvertreterInnen Menschen wie mich Clowns nennen, Phantasten oder Covidioten – alles Worte, die trennen sollen und die spalten. Ich weiß, dass mein Engagement als Teil eines politischen Interesses umgedeutet und so meine Person instrumentalisiert wird, wenn ich für den Frieden auf die Straße gehe. Die gegenwärtige Politik strebt nach Machterhalt, Stärke und Geld und überlässt die digitale Welt Konzernen mit Privatpersonen an der Spitze; ja sie kauft sogar Drohen von einem Unternehmen, in dem Peter Thiel Anteile hat, zusammen mit Sequoia Capital, einer Risikokapitalgesellschaft, die mit Apple, Google You Tube und Instagram zusammenarbeiten.


Mein Tun ändert nicht die Welt. Auch nicht mit diesem Buch. Schon als Kind wanderte ich auf Nebenwegen, jene schmalen Pfade, auf denen Schleiereulen wohnten. Ihre großen, drehbaren Augen sahen damals ein traumatisiertes Zuhause und einen Krieg, der Generationen später immer noch in den Menschen weiterlebte, in meiner Großmutter, meinen Eltern und der mir transgenerativ weitergegeben wurde. Heute sehen diese Augen ein anderes Land, anders zerstört. Und mich mittendrin.

Diese Eulen sehen heute Konzerne, die aus Menschen bestehen wie du und ich, und die immer mehr in Besitz nehmen, Land besetzen, Götter töten und Landschaften roden, es pflastern oder mit genmanipulierten Pflanzen bebauen. Sie sehen Menschen, die von Wildnis sprechen, während im Hintergrund der Wolf zum Abschuss steht. Sie schauen auf diese Menschen, die sich vor Bienen und Wespen und anderem Kleingetier fürchten und die den Zusammenhang zwischen Mandelschokolade und der Biene nicht kennen. Sie fahren mit Stolz ihr „nachhaltiges“ Elektroauto und sehen nicht die Wunden der Bevölkerung Boliviens oder Portugals, der Meere und Ozeane, wo Seltene Erden im großen Stil aus den Tiefen gerissen werden. Viele spenden und delegieren das eigene Tun an Organisationen – und fühlen sich erleichtert und auf der guten Seite.


Spekulanten spielen an der Börse damit, dass unser Bankensystem in antizyklischen Wellenfunktioniert, in denen der Leitzins politisch gesteuert wird: Bei schwacher Wirtschaft wird er normalerweise gesenkt und bei starker Wirtschaftsentwicklung angehoben. Die antizyklische Geldwirtschaft, die wiederkehrend zu Inflationserscheinungen führt, ließe sich nur mit einem Währungssystem abschaffen, in dem, so schließt die Pionierin Margrit Kennedy, nicht mehr auf unendliches Wirtschaftswachstum gezielt und nicht mehr verzinst wird (Margrit Kennedy 1991). Im Jahr 2020 gab statistisch bei einer Umfrage die Hälfte der Deutschen an, dass Kapitalismus ihrer Meinung nach den meisten Menschen eher schadet als nutzt und nur noch 12,5 Prozent waren der Meinung, persönlich von einer wachsenden Wirtschaft zu profitieren (Arvay, Moog 2023). Immer mehr Menschen scheint aufzugehen, dass Wirtschaftswachstum und Politik mehr auf den Nutzen einer reichen Minderheit ausgelegt sind, welche die Produktionsmittel in ihren Händen hält und immer reicher wird und weniger auf das Wohl der Menschen an der Basis.


Auf meinem Außenposten suche ich nach Wegen hinaus aus dem, was man Realität nennt. Ich suche Heilung – für mich, für uns, für diese Zeit. Ich bleibe kritisch-beweglich und bewusst. Ich suche Menschen, die sich ihre Unvollkommenheit eingestehen können, ihre Schwäche, ihre Unsicherheit. Ich suche einen Weg aus Trennung, Gewalt und Ausbeutung; stehe in Kontakten mit anderen bewussten Menschen und setze mich mit ihren Veröffentlichungen auseinander, die mit Weitblick und Professionalität auf das gegenwärtige Geschehen schauen wie zum Beispiel Prof. Helga Kromp-Kolb, Gerald Hüther oder dem Psychoneurologen Joachim Bauer und früher mit Clemens Arvay.

Genesung folgt eigenen Gesetzen: Sie entwickelt sich organisch, pendelt zwischen Schmerz und Werden, braucht Zeit und Stille und das Vertrauen, dass Scheitern dazugehört. Erste Symptome wollen gehört, nicht weggedrückt und verdrängt werden.

Ich habe kein fertiges Konzept für die Umgestaltung zu einer besseren Welt, doch weiß ich um Rahmenbedingungen und Zusammenhänge, wie Veränderungen im Sinne einer Genesung geschehen können, um zu gesunden und zu langfristigen Veränderungen werden zu können, und so, als gestärkter Organismus eher Krisen standhalten kann. In meinen Beiträgen wird die Rede davon sein.


Wenn ich mit meiner Kamera am Fluss sitze und die Kormorane beim Trocknen ihrer Flügel beobachte, dann denke ich, den Menschen fehlt bodenhaftende Spiritualität. Ich meine nicht eine abgehobene Vorstellung von Spiritualität, das Aufstellen von Engeln oder das Schweben über der Erde. Für mich ist Spiritualität ziemlich leise und findet vor allem im Fühlen statt, in der Verbundenheit mit der Natur und den Tieren. Ich bin mit ihr und ihnen dankbar verbunden, ohne sie gäbe es mich nicht. Mit diesem verbundenen Gefühl kann ich Natur und Tiere nicht mehr als Ding betrachten und wie mit einem Ding umgehen.

Wenn ich so unterwegs bin und auf Menschen treffe und mit ihnen ins Gespräch komme, spüre ich meine Neugierde auf diese Menschen. Es sind „einfache“ Menschen. Für mich machen sie die Welt aus; niemand erzählt von ihnen. Es ist der Schäfer meines Dorfes, in dem ich wohne, der Zimmermann, der meinen Speicher abgedichtet hat oder Menschen, denen ich auf Demonstrationen, Gremien, Festen und Feiern begegnet bin. So war ich als Delegierter zum ERSTEN PARLARMENT DER MENSCHEN in Berlin eingeladen. Ich traf Menschen, die auf LARP´s neue Identitäten probten und Menschen auf Campingplätzen, die dort fest leben, so auch auf einen Mann, der mit seinem Wohnmobil und seiner dementen Ehefrau immer an den gleichen Ort fährt und so aus dem Schicksal versucht das Beste zu machen.

Auf diesem Unterwegs-Sein traf ich auch auf Menschen, die sich nur in ihrer Wut entrüsteten. Sie schienen mir eher in Aufrüstung zu sein. Aufgerüstet in Wut und Verzweiflung, im Geiste der Weltverbesserung, im Zustand der Selbstausbeutung, im Gefühl des Scheiterns und der Ohnmacht, nicht in sich verankert, sondern außer sich vor Empörung. Im Kontakt mit ihnen ging ich in Distanz. Ich verstehe ihre Verzweiflung, das Gefühl der Ohnmacht und auch ihre Lähmung oder Wut. Dort fand meine Suche keinen Boden; ihr Trauma war zu tief.


Für dieses Buch fand ich andere: Menschen, die weiter fragen, die nicht aufgehört haben zu denken, die schöpferisch an sich wachsen. Ich stelle sie mit ihren Geschichten in den Kontext dieser Zeit, der Machtströme, wie über sie verfügt wird und der Geldflüsse, die sich in Milliardensummen bewegen, abstrakte Summen, während ihr Konto durch Energie- und Lebensmittelkosten immer kleiner wird.

Manchmal lasse ich nur Gesichter in meinen Bildern sprechen. Es sind „einfache“ Menschen – und gerade deshalb besondere. Sie suchen. Oder sie haben gefunden.


In diesem Reisebericht erzähle ich von der Möglichkeit einer anderen Welt. Diese menschenwürdige Welt ist komplex, unübersichtlich, fordert Geduld, und sie gibt keine Garantien – und doch existiert sie bereits. Philosophen, Wissenschaftlerinnen, Älteste und Weise, sie alle schreiben oder reden ebenfalls über sie. Doch solche Menschen werden eher selektiv gehört. Wie ich sicher auch. Doch ich muss schreiben. Jeder Baum, jeder Käfer, jede Biene fordert es von mir. Sie sprechen zu mir und ich muss ihnen eine Stimme geben.

 

Im Almanach der OAY-Zeitschrift von 2026 wird von dem Begriff des „Vorausliebens“ gesprochen. Das hat mir gefallen. Im Kern geht es beim „vorauslieben“ darum, nicht nur auf eine bessere Welt zu hoffen oder sich eine solche nur vorzustellen, sondern jetzt schon die Aspekte dieser besseren Welt zu leben, wertzuschätzen und zu fördern und in den Alltag zu integrieren, auch wenn sie (noch) nicht voll realisiert sind.

Damit ist gemeint, dass die Zukunft nicht bloß passiv zu erwarten ist, sondern dass aktiv Aspekte einer guten Zukunft in der Gegenwart genährt werden. Visionen und Praktiken des guten Lebens sollen schon jetzt geliebt, praktiziert und in der Welt verankert werden – auch wenn sie noch unvollständig sind. Gemeinschaftliche, lebensdienliche Praktiken werden als „Funken“ von dem begriffen, was noch kommen soll und im Alltag wirklich ausprobiert und gepflegt wird.


Es ist ein Gegensatz zur reinen Hoffnung oder zur bloßen Kritik an bestehenden Zuständen. Stattdessen formuliert OYA eine Haltung, die sowohl realistisch als auch pragmatisch-utopisch ist: „Nicht nur glauben, dass eine gute Welt möglich ist, sondern schon heute Verhaltensweisen, Beziehungen und Praktiken pflegen, die zu einer solchen Welt gehören würden.“

Dabei ist zwischen hoffen und vorauslieben zu unterscheiden. Hoffen ist eine offene Erwartung oder Wunschhaltung. Vorauslieben geht darüber hinaus: Es ist eine bewusste, affektive Ausrichtung auf das, was „gutes Leben für alle“ bedeutet – und zwar im Hier und Jetzt, d. h. praktisch gelebte Elemente einer anderen Gesellschaft, die bereits existieren und verbreitet werden können, und damit eine Zukunftskultur pflegen, statt nur über Krisen zu sprechen. So können transformatorische Impulse zu Keimlingen werden, die Wurzeln schlagen und unsere Lebenspraxis verändern.


Ich möchte Sie mit diesem Buch einladen, bewusst Aspekte einer gewünschten Zukunft bereits heute zu lieben, manches selbst zu praktizieren und sichtbar zu machen – nicht in der Hoffnung, dass sie irgendwann einmal kommen, sondern als lebendige Praxis und Haltung im Hier und Jetzt. Ich möchte mit Geschichten, Gesprächen, Reportagen und Bildkunst zeigen, wie Menschen und Bewegungen gute Zukünfte schon jetzt lieben und nähren, auch in Zeiten von Krisen und Unsicherheit.

Zwischen den Geschichten und Exkursen lasse ich Bilder sprechen, Bilder aus meiner Reihe der METAMORPHOSEN in Anspielung des Geflechts aus Wechselwirkungen, Rückkoppelungsprozessen und Emergenz, von denen ich schreibe. Diese Verwobenheit zeige ich in Bildern auf sinnliche Weise. Sie zeigen meine Wahrnehmung der Natur und wollen die Komplexität auf eine andere Art als der der intellektuellen Verstehensweise zeigen.


Die Frage bei einem BILDband ist immer, ist das Kunst? Mich ziehen Bilder an, die eine Absicht haben. Dabei ist die Frage für mich wichtig, welche Beziehung stellen die Bilder zum Künstler her und beide welche Beziehung zur Welt. Es geht darum, wie die Bilder „gelesen“ werden können. Die Bilder sollten einen Grund haben, dass sie gemacht wurden, weil sie eine Aussage haben, und da reicht das Ästhetische nicht aus. Es ist unwichtig, ob sie den sogenannten technischen Ansprüchen genügen oder nicht, ob sie Laborabzüge sind oder Prints. Die Bilder müssen eine Verantwortung zeigen und zeigen, wie sie denken.

Dazwischen tauchen in diesem Buch auch Bilder der Reihe der ZENfotografie auf.  Sie bieten Ihnen kleine Pausenräume, die einladen zum Sich-Sammeln, zum Versinken, dass etwas in Ihnen vielleicht aufleuchtet – ein Ton, ein Bild, ein Gefühl. Ich wünsche mir, dass ich in Ihren Köpfen und bei Manchen im Herzen etwas zum Leuchten bringe und dort ein Berührt-Sein anrege.

Ich tu das mit den Mitteln der Kunst. Gerade die Kunst sollte nichts verschweigen.